Darf ein Bewerter erwartungstreu sein?

Sie haben noch nie von Erwartungstreue gehört? Dann erkläre ich Ihnen dies gerne: Jeder Hauseigentümer hat eine Vorstellung davon, wie hoch der Wert seines Hauses ist. Wenn nun der Bewerter das Haus berechnet und auf den gleichen Wert kommt, dann nennt man das erwartungstreu.

Es war einmal: Daraufhin schloss der Hauseigentümer den Bewerter in sein Herz und empfahl ihn gerne weiter. Happy End? Leider nein, denn oft liegt der objektive Wert der Liegenschaft (deutlich) tiefer und der Bewerter muss sich erklären.

Subjektiv ist schön, objektiv ist fair.

Woher das kommt? Da gibt es verschiedene Faktoren, einer davon ist der sogenannte IKEA-Effekt. Ein amerikanischer Professor lud Probanden ein und teilte diese in zwei Gruppen. Die erste Gruppe wurde aufgefordert, den Wert eines bereits zusammengebauten IKEA-Möbels zu raten. Auch die zweite Gruppe sollte raten, jedoch erst, nachdem sie das IKEA-Möbel mit Hilfe der Bedienungsanleitung zusammengebaut hatte, also Schrauben und Schweiss.

Der IKEA-Effekt

Die zweite Gruppe – Sie ahnen es bereits –, bewertete den Wert des gleichen IKEA-Möbels 25% höher als die erste Gruppe. Der Clou daran? Nicht der Do-it-yourself-Aufwand wurde als wertvoller eingeschätzt, sondern die Glücksgefühle am Selbstgebauten.

Irgendwie verständlich für alle jene, die schon mal anhand einer IKEA-Anleitung ein Möbel zusammengebaut haben. Und eine gute Erklärung dafür, warum Hauseigentümer ihr «wertvolles» Heim oft zu hoch deklarieren.

My home is my castle

Ein weiteres Phänomen ist der Besitztumseffekt: Menschen neigen dazu, Objekte, die sie besitzen als wertvoller einzuschätzen als jene, die sie nicht besitzen.
Nun wissen wir also, warum Eigentümer ihre Immobilie häufig zu hoch einschätzen. Gleichzeitig können wir gut die Beweggründe eines Bewerters nachvollziehen und die Zwickmühle, in der er sich befindet. Er möchte ja seinen Kunden nicht verärgern.

Was also tun als Bewerter?

Bleiben Sie immer objektiv. Denn wenn Sie eine Bewertung mit dem Ziel erstellen, möglichst nahe an die Vorstellung des Hauseigentümers zu gelangen, wird dieses Konstrukt wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen, sobald die finanzierende Bank ihre Due Diligence gewissenhaft erledigt und ihrerseits ein Gutachten erstellt.

Was dann passiert?

Der Bewerter verliert seinen guten Ruf. Und meist auch seinen Kunden. Um das zu verhindern, lohnt es sich als Bewerter etwas Zeit zu investieren und dem Eigentümer sowohl Schritt für Schritt als auch transparent seine faktenbasierte Bewertung zu erklären.

Fazit: Nein – ein Bewerter darf nicht erwartungstreu sein!

Autor: Hans Graf