Cocooning

Seit Jahren ist "Cocooning" angesagt, also der Rückzug in einen Kokon. Ein Megatrend! Das äussert sich unter anderem dadurch, dass die Leute mehr zu Hause bleiben, eben in ihrem Kokon. Oder wo früher rund ums Haus nichts stand und man mit Nachbarn Blickkontakt hatte, da werden heute blickdichte Hecken gezüchtet oder gar Granitstelen einbetoniert, Hauptsache man ist für sich. Wo früher vor fast jedem Haus ein Bänkli stand, wo man sich an Feierabend hinsetzte und einen Schwatz mit Nachbarn halten konnte, muss man sich heute anmelden, wenn man zu Besuch kommen will. Spontan geht da gar nichts mehr. Der Schweizer kocht mehr zu Hause und geht kaum noch ins Restaurant und die Quartierbeiz stirbt aus, weil jeder nach der Arbeit nach Hause geht, den Fernseher einschaltet und in seinem Kokon für sich sein will.

Ob ich das gut finde? Nein, definitiv nicht. Wir verarmen sozial komplett. Wir helfen unserer alten Nachbarin nicht mehr ganz selbstverständlich, eine schwere Tasche nach oben zu tragen. Könnte ja eine Extraminute kosten, welche man lieber im Kokon verbringen möchte. Freunde einladen zu einem Spielabend oder zu einem Kaffee? Fehlanzeige, man will alleine im Kokon sein. Bin ich jetzt ein Spiesser, wenn ich solche Trendsetter als verkappte Egoisten ansehe? Bin ich hoffnungslos romantisch, wenn ich allen untergegangenen Quartierbeizen nachweine?

Nun – die Zukunft wird zeigen, wohin das alles geführt hat. Spätestens wenn mal wieder ein Bericht in der Zeitung davon erzählt, dass ein gestorbener Mensch nach einem Jahr verwest und mumifiziert in einer Wohnung aufgefunden wurde…

Autor: Hans Graf