Identitätsfaktor Fassadenfarben

Anlässlich des Klimagipfels ist die "Rote Stadt", Marrakesch, im Visier der interessierten Weltöffentlichkeit. Die grossartigen Farbnuancen der Millionenstadt lassen keinen Besucher unberührt. Die Tradition, die Baumaterialien der Umgebung einzusetzen (hier rote Erde bzw. Lehm und roter Sandstein), hat das Erscheinungsbild der früheren Königsstadt von alters her geprägt.

Glücklicherweise tragen auch Neubauten mit anderen Baumaterialien diesem identitätsstiftenden Merkmal Rechnung. Die Fassadenfarbe ist vorgegeben. Eine Sorgfalt, welche sich gelohnt hat: Die Stadt betört mit ihren harmonischen Rot- und Ockertönen und die Medina von Marrakesch trägt das Prädikat UNESCO Weltkulturerbe.

Und in unseren Breiten? Im Zeitalter des Individualismus wird dieser im Hausbau allzu gern in der Fassadenfarbe manifestiert, was zu Ausreissern führen kann, welche das Ortsbild schmerzhaft beeinträchtigen können. Farben sind nicht neutral. Die Farbe eines Gebäudes wird von einer Reihe von Grundsätzen bestimmt, welche im Allgemeinen zu wenig berücksichtigt werden. Zum einen ist die Farbgebung gesellschaftlich und kulturell eng mit dem Zweck und der Lage der Liegenschaft verbunden. Zum anderen ist sie ein Element der Architektur. Sie beeinflusst die räumliche Wahrnehmung eines Objektes. Nicht von ungefähr sind Fassadenfarben in den meisten Schweizer Gemeinden baubewilligungspflichtig, da sie eine Auswirkung auf das Orts- und Landschaftsbild haben.

Auch in der Stadt Schaffhausen gibt es eine wertige Farbtradition, welche einen wesentlichen Identitätsfaktor des Stadtbildes ausmacht. Dies haben die zuständigen Behörden mit Stadtplanung und Denkmalpflege vor wenigen Wochen mit der Vorstellung der mit Fachpersonen erarbeiteten Farbkarte deutlich gemacht. Die Vielfalt, welche sich aus gewachsenen Farbtraditionen zu einem eleganten Ganzen entwickelt hat, überrascht und erfreut.

Die optimale Farbgebung kann eine ausgesprochen komplexe Angelegenheit sein. Ich betrachte diesen Leitfaden als eine exzellente Orientierungshilfe - auch für Bauten des 21. Jahrhunderts - und hoffe, dass diese Sichtbarmachung unseres heimischen Kolorits uns für die Qualitäten unserer Stadt noch mehr sensibilisiert und hoffentlich in bauherrschaftlichen Kreisen die verdiente Beachtung findet.

Autor: Patrizia Pellandini

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