Achtung Hackerangriffe
Adam und Benno wunderten sich über ihre neuen Nachbarn im Obergeschoss. Styropor-Kügelis lagen überall verstreut auf dem Gartenweg entlang der Hausmauer: Solche Nachlässigkeiten im Entsorgen von Verpackungsmaterial hätten sie einfach nicht von diesen stilvollen Leuten erwartet! Wenige Tage später erfolgt jedoch die Rehabilitation der Anwohner durch ein Bild in der Zeitung. Es ist das kommentierte Foto eines tennisballgrossen Loches in einer Fassade, welche ihnen sehr bekannt vorkommt. Der Übeltäter ist entlarvt: Es ist ein rabiater Winzling - ein prächtiger Buntspecht!
Unsere Freunde stehen mit dieser Erfahrung offensichtlich nicht allein.Gemäss Vogelwarte Sempach gehen in der Schweiz zwischen Juli und Dezember jährlich zwischen 20-50 Schadenmeldungen an aussenisolierten Hausfassaden ein, welche auf die schönen Höhlenbrüter zurückzuführen sind. Meist seien die Hacker junge Buntspechte, welche auf der Suche nach einem neuen Territorium unterwegs sind. Geeignete freie Reviere werden allerdings immer seltener. Mit Bäumen begrünte Siedlungsgebiete bieten eine Ausweichmöglichkeit ein Revier zu errichten. Dabei untersuchen und erkunden die Tiere das Territorium und die vorhandenen Bäume und Bauten. Fehlt das passende natürliche Umfeld wissen sie sich zu helfen: Es sind vornehmlich Eck-Bereiche von Häusern mit Aussendämmung, welche sie sich aussuchen, um sich eine Schlafhöhle im neuen Revier zurechtzuzimmern: Der harte Verputz entspricht der Rinde, das Dämm- Material darunter klingt wie Faulholz.
Hauseigentümer im Clinch
Hauseigentümer sind da echt in der Zwickmühle: Alle Spechtarten sind rechtlich geschützt. Die Schäden können beträchtlich sein und weder die kantonale Gebäudeversicherung noch private Versicherer decken den Schaden ab. Werden die Löcher des Spechts nicht geflickt, nisten sich im Frühling gerne Stare oder Meisen ein. Und das Loch einfach zu stopfen oder die Fassade frisch zu sanieren reichen nicht: Es wird oft gleich nebenan weitergehackt. Will man Schäden dauerhaft vermeiden, sind angepasste bauliche Massnahmen nötig.
Lösungen für Hausbesitzer
Bei Massivmauerwerk, Metall- oder Eternitplattenverkleidungen und Klinker hätte der kleine Wüterich keinen Stich. Mittlerweile sollen spechtsichere Wärmedämmverbundsysteme auf dem Markt sein. Dickere Putze bei traditionellen Aussenisolationen oder Holzfassaden können offenbar hartnäckigen Klopfern nicht standhalten. Da insbesondere Hausecken aufgrund gefährdet sind, schlägt der Vogelschutz glatte Abdeckungen aus Blech, Hartplastik, Acrylglas, etc. vor. Etwas überzeugender erscheint der Vorschlag, senkrechte Stahldrähte vor den zu schützenden Fassadenbereichen zu spannen. Spanndrahtsysteme zur Fassadenbegrünung mit Gerüstkletterpflanzen (Sorten ohne Haftwurzeln am empfehlenswertesten) ist wohl der Vorschlag, welcher am wenigsten nach Flickwerk ausschaut.
Bei Adam und Benno hat sich unerwartet Caruso um das Problem gekümmert. Ihr gefiederter neuer Nachbar war wohl eine Spur zu unbekümmert und ist dem Revierkater in die Fänge geraten. Das Loch ist gestopft und die Fassade in der Zwischenzeit ohne besondere weitere Massnahmen geflickt. Nun sind alle gespannt, ob - oder wann - sich ein hackender Nachfolger hertrauen wird.
*Bild: Reuters
Autor: Patrizia Pellandini